Clever gemacht

Ich schaue:

Ganz schön schlau! 

im Theater Salz und Pfeffer Nürnberg

EVENT: 26. Dezember 2025

ARTIKEL: 26. Dezember 2025

(ich glaube, mein zeitnahester Artikel bisher!)

 

Spiel: Jennifer Quast, Roland Klappstein

Regie: Alexandra Kaufmann

Figuren: Mechtild Nienaber, Lena Peschke

Ausstattung: Marco Faller, Sarah E. Schwerda

Kostüm: Lena Peschke

Technik: Tabea Baumer, Christopher Mau

 

 

Als ich ankomme, rieche ich sofort: Es gibt frische Waffeln! Leider nicht vegan, aber: 

Es! gibt! frische! Waffeln! Am Stiel!

Großartiger Start.

 

Zuschauerraum Erstgedanken

 

Ich bin sehr gespannt, wann ich im Salz und Pfeffer mal ein Stück zu sehen bekomme, wo es ein großes und präsentes Bühnenbild gibt. Heute ist der Tag jedenfalls nicht. Einmal mehr ist das Bühnenbild: auf der Bühne verteilte Gegenstände und Objekte. Mir fällt das diesmal besonders auf, weil gleich zu Anfang von den Menschen auf der Bühne in satten Sinneseindrücken deren erstes Theater-Erlebnis beschrieben wird, inklusive einem leicht staubigen Geruch (für mich lieber frische Waffeln, dankeschön!) und einem dunkelroten Samt-Bühnenvorhang. Seltsam, oder? Auf der einen Seite zu sagen: Die überwältigende Sinnlichkeit am Theater war eine der Sachen, die mich da hin gebracht haben und dann andererseits mit einer relativ kargen Bühne zu arbeiten? Bitte gebt mir Bescheid wenn es irgendwann mal eine überbordende Material-Schlacht gibt, möglichst mit mehreren perspektivisch gemalten Hintergrundbildern, beweglichen Kulissen und einer riesigen Trauerweide die sich im 2. Akt als animatronische Meisterleistung entpuppt? Bedeutet "entpuppt" im Figurentheater das Gleiche?

 

Multifunktional

 

Die Ausstattung ist stücktitelgetreu unglaublich clever gelöst! 

Der Spiegel ist gleichzeitig eine Spielfläche, ebenso die Bierbank - die man schräg stellen kann so dass alle eine sinnvolle Draufsicht haben. Und alles ist magnetisch - klonk! es hält. Der Garderobenständer für die verschiedenen Kostüme - klonk! ebenfalls magnetisch. Die Kombination, aufgehängte Kostüme = Vorhang, aufgehängter Spiegel = Bühnenfläche und Garderobenständer = multifunktionaler Rahmen, macht aus Alltagsgegenständen ein traditionelles Guckkasten-Puppentheater. Was kann man alles mit einem Mörser machen, wenn wir nun doch keinen Stößel haben? Moment bitte, bevor du die Bank wegträgst, will ich die praktischerweise entstandene Fläche auf bequemer Höhe noch schnell zum Bespielen nutzen. 

 

Sinn-voll

 

Immer wieder wechseln die Figuren - es sind mal kleine Plastik-Spielfiguren, mal filzig-plüschige Gelenkpuppen, mal spielen die Spieler*innen selbst. Die Perspektiv- und Rollenwechsel machen das Stück wunderbar kurzweilig und vielfältig. Und ich kann mir gut vorstellen, dass es Menschen dazu animiert, selbst Figurenspiel auszuprobieren. Wirklich spaßig und genussvoll, den beiden Menschen auf der Bühne dabei zuzuschauen wie sie immer wieder anders sprechen, sich benehmen und verkleiden. Dazu präsentiert dreimal (wenn meine Strichliste stimmt) Roland Klappstein ein Lied, jeweils in verschiedenen Stilen (ich habe sie auch getauft: die folklorisierende Schauspiellösung mit Sprechen zwischendurch, der Kunstgesang wo beim Synchronisieren extra jemand geholt werden würde und die übertrieben knödelige Opernarie wo der Typ eigentlich auf einem Podest stehen muss).

 

Lernangebot und -nachfrage

 

Es sind sooo viele Wörter dabei, die 7-jährige wahrscheinlich nicht verstehen können... also den Kids die ich kenne, liest niemand klassische Märchen vor und die wissen nicht ohne Erklärung, was Mörser und Stößel sind, was ein Füllen ist und was die Aufgaben einer Zofe sein könnten. Die Lern-Gelegenheiten werden im Stück gut genutzt, ich glaube wenn man aufmerksam ist und sich als junger Mensch drauf verlässt dass sich das früher oder später klären wird, dann kann man eine Menge Neues lernen. Manche Menschlein im Publikum sind ungeduldig und kriegen es im Schnellverfahren ins Ohr geflüstert.

 

Bei den Rätselduellen die sich die Figuren liefern, haben sich sehr zögerlich einige Menschen im Publikum beim Mitraten beteiligt. Irgendwie wurde das Spiel aber nicht absichtsvoll genug ans Publikum weitergereicht, ein bisschen mehr Ratezeit und ein bisschen mehr Interaktion hätte das sicher vertragen können. 

 

Feminismus-Bingo

 

Ich würde behaupten, diese Salz-und-Pfeffer-Version des Märchens ist ein Lehrstück, wie man historische Stoffe (die Vorlage "Die kluge Bauerntochter" ist ein Märchen was von den Gebrüdern Grimm dokumentiert wurde anhand von Erzählungen von Dorothea Viehmann) in eine zeitgemäße und politisch aufgeladene Geschichte übersetzt, aber das auf sagenhaft entspannte und scheinbar selbstverständliche Art und Weise. An dieser Stelle meinen tiefen Respekt an alle, die an der Stückentwicklung beteiligt waren - leider habe ich dazu keine konkreten Angaben gefunden, ich werde das hier ergänzen sobald ich näheres weiß!

 

Hier einige Ausschnitte aus meinem Feminismus-Bingo, wenn möglich bitte mit einem Venusfaust-Stempel die entsprechenden Felder markieren:

 

1)

Grundsätzlich ist schon im Märchen angelegt, dass die Titelfigur eine intelligente Person ist, die Zusammenhänge schnell und frühzeitig erkennt, Schlüsse zieht und diese Schlüsse und Ideen offen kommuniziert. Ihre Fähigkeiten werden im Märchen auch positiv geframed, also nicht etwa als hinterlistig oder intrigant dargestellt.

 

2)

Die Figur bekommt im Stück einen Namen - Minna - und wird so unabhängig von ihrem biologischen Vater ("Tochter") oder ihrem Beruf ("Bäuerin") zu einer eigenständigen Persönlichkeit. 

 

3)

Lass uns einen Schritt zurücktreten und dann fragen: Was sagt eigentlich die "Jungs spielen nicht mit Puppen" Fraktion nachdem mensch eine Stunde lang Roland Klappstein beim Puppenspielen / Objekten-neue-Fähigkeiten-verleihen zugeschaut hat?

 

4&5)

Traditionalistische Berufsbilder werden in beide Richtungen des binären Geschlechterrollensystems hinterfragt: Der Wachmann des Königs wird später seine Kammerzofe (und hört dann auch endlich auf, mit dem Stock das ganze Theater zum Erbeben zu bringen) und die Tochter des Schmieds soll doch bitte Schmiedin werden wenn sie das gerne möchte? Bei der Gelegenheit haben wir auch gleich mal die patriarchale Erbfolge in Frage gestellt - lass uns den Betrieb der Eltern doch bitte anhand von Interessen und Fähigkeiten weitergeben statt anhand eines Kreuzchens was wir bei der Geburt der Betroffenen auf Grund von einigen körperlichen Details gesetzt haben?

 

6) 

In der Zeit der Krippenspiele mit den damit verbundenen fragwürdigen Zaubermärchen in Bezug auf "wie funktionieren Befruchtung und Geburt?" fand ich es geradezu erfrischend dass die Salomonische Frage beim Fohlen nicht wie im Original-Märchen war: Wer hat das Tier geboren? Sondern "Zu wem gehört es auf Grund vom Aufenthaltsort bei Fragestellung?" Irgendwie funktioniert die Lösung mit dem Fischnetz auf dem Trockenen trotzdem, weil sie trotzdem sinnfrei ist wegen ihrer Deplatzierung. Und der König argumentiert dadurch vielleicht nicht vernünftig, aber immerhin nachvollziehbar, weil er nicht wie im Märchen ernsthaft feststellt, dass das Fohlen von den Rindern geboren sein muss (warum diese Frage überhaupt bei den Viehbauern aufgekommen ist, weiß wahrscheinlich niemand? sowas passiert doch auch nur wenn die Gerichtskosten nicht von den Prozessbeteiligten übernommen werden müssen...). 

 

premiereverpasst-Blog-Fragen

 

Ist das überhaupt vegan?

Im Stück werden sogenannte Nutztiere wie Pferde, Schweine und Rinder als Indikatoren einer sinnvollen und erfolgreichen Landwirtschaft präsentiert, ohne dass thematisiert wird, dass Tierhaltung in Bezug auf Nahrungsressourcenproduktion ein klimaschädliches Minusgeschäft ist und diese Tiere ausgebeutet und höchstwahrscheinlich zum Verzehr getötet werden.

Positiv: Die Figuren des Stücks sind aufbereitete Funduspuppen, und damit wurde eine gewisse Nachhaltigkeit im Theaterbetrieb sichergestellt.

 

Wie queer ist das denn?

Es werden traditionalistische binäre Rollenbilder hinterfragt, das finde ich ein wichtiges queerpolitisches Zeichen. Ich bin gerade ein bisschen traurig, dass ich solcherlei Krümelthemen an dieser Stelle bespreche. Das sind die heißen Eisen der queerpolitischen Diskussion? 

 

Wo sind die Kids?

Ich würde auf Grund der Hochzeit und der selbstständigen Bewirtung des Hofes die Figur "Minna" als volljährig lesen, und so kommen kindliche Perspektiven nur am Anfang des Stücks vor, wenn auf der Bühne von Kindheitserinnerungen im Theater berichtet wird. 

Erziehungsfragen kommen öfter im Stück vor, besonders in Bezug auf traditionalistische binäre Geschlechterrollenbilder - das hab ich weiter oben schon besprochen. 

Dass die Frage nach familiärer Verantwortung im Stück bei der Tochter gegenüber dem eigenen Vater liegt, finde ich hochgradig fragwürdig und es wird auch nicht irgendwie geklärt: Entgegen dem Rat der Tochter stellt der Vater seine moralische Überzeugung über die Vernunft und landet dadurch im Kerker, worauf sowohl die Verantwortung für den Bauernhof als auch die Verantwortung für den Verbleib des Vaters in die Verantwortung von Minna übergeht. Außerdem ist Gold ein sehr ungeeignetes Material für einen Mörser, aber darauf kommt es nun auch nicht mehr an.

 

Jetzt neu: 

Kommt mein Lieblings-Figurentheater-Trick vor?

"Eine größere Gruppe von Figuren mit grundverschiedenen Charakteren, die alle vom selben Mensch geführt werden, streitet sich"

NO! leider nicht :(

 

Dafür hab ich ein Neues gefunden:

"Selbstgespräch für Fortgeschrittene: Eine Figur pfeift die sie selbst spielende Person zusammen..."

YES! Das Verhältnis vom König zu seinem besten Mann bei Hof ist wirklich vielfältig ausgestaltet, eine wahre Freude!

Bonuspunkt: "... und nimmt dabei Bezug auf die Realität von Figur und spielender Person."

NO! Diesmal nicht, kann sein dass das im Kindertheater nicht ok ist?

 

Ein weiterer Trick kommt vor:

"Figur ist Alles / Alles ist Figur: nimm einen random Fetzen Papier und verleihe ihm eine Form und eine Persönlichkeit"

CHECK! mit einem kleinen Mäntelchen aus Papier ist auf einmal der Zeigefinger als Schauspieler mit dabei.

 

WOW! Voll gut dass du bis hierhin gelesen hast!

Ich bin - falls das warum auch immer noch nicht durchgeschienen ist - wirklich begeistert von dem Stück und der Umsetzung!

Bitte schau dir das gerne an - große Empfehlung!

Das nächste Mal wieder Ende Januar 2026, Infos und Tickets auf der Website des Theater Salz und Pfeffer (externer Link).


Schön, dass du bis hierhin gelesen hast!

Du kannst, wenn du möchtest, meine Arbeit auf zwei Arten ganz konkret unterstützen:

 

... mir einen Kaffee spendieren:

(PayPal) martiny@premiereverpasst.de

 

... mich einladen: 

Ich freue mich immer über Einladungen von Theatern und Veranstalter*innen – schreibt mir einfach über das Formular!

 

Und natürlich: Folge mir gern auf instagram, damit wir in Kontakt bleiben!

@premiereverpasst