Surreale Plastik-Erfahrung

"Lazarus" im Hans Otto Theater Potsdam

EVENT: 13. Dezember 2025

ARTIKEL: 28. Dezember 2025

 

Ich war bei „Lazarus“ und habe gemerkt, wie sehr mich diese Inszenierung gleichzeitig beeindruckt und irritiert. Mein erster Gesamteindruck: Man sieht durchgängig, dass da richtig Asche in dieser Produktion steckt. Es gibt eine Materialschlacht an Kostümen, ständig neue Bilder, Raumschiff-Ästhetik, Glamrock-Songs – und währenddessen passiert für mich inhaltlich viel Brüchiges. 

 

Die Produktion feiert am 29. Dezember 2025 seine ausverkaufte Derniere und ich möchte dich hier einladen, dich entweder ein bisschen mit mir zu erinnern oder dich auf meine Sicht der Dinge einzulassen.

 

Das Bühnenbild ist für mich der absolute Hammer. Die Sitzlandschaften sind riesig, überall Plastiksofas, alles wirkt wie ein steriler, laborartiger Versuchsraum, der in einer eigenen Biosphäre zu existieren scheint. Dann finde ich es aber seltsam, wenn vor allem die Hauptfigur ständig am Boden liegt oder auf irgendwelchen Treppenstufen. Dieses Bild ergibt für mich nur Sinn, wenn das Raumdesign eindeutig zwischen Sitzmöbeln, Tischen, Boden und Treppen unterscheidet. Ich glaube, man unterschätzt, wie großartig Jalousien für ein Bühnenbild sind. Sie können durchsichtig sein und als Projektionsfläche dienen, sie erzeugen einen Dopplereffekt, wenn man sie übereinander oder voreinander bewegt, und sie geben direkt einen gewissen Ära-Flavor. 

 

In der Ausstattung gibt es viele Momente, in denen ich denke: Wow. Für die "Zugabe" bekommt das gesamte Ensemble extra Gedächtniskostüme für David Bowie, verschiedene Persönlichkeiten aus verschiedenen Äras, und von der Bühnendecke wird ein riesiger, pinker Glitzer-Blitz heruntergelassen. Das ist prahlerisch, verschwenderisch und gleichzeitig natürlich auch ein Genuss – wie Padmé Amidala im ersten Star-Wars-Film, pro Textzeile ein Kostümwechsel. Aber ich hoffe schon, dass es dafür irgendwo ein Nachhaltigkeitskonzept gibt. In der Darstellung gab es Stolperstellen. Einige Anschlüsse und Einsätze sind unsauber geworden, bis hin zu Momenten, in denen Leute auf der Bühne stehen, die offenbar noch längst nicht ihren Auftritt haben. Theater ist eine lebendige und unmittelbare Kunstform, so beweist sich das dann eben. 

 

Ich finde die Beleuchtung und die Projektion tatsächlich sehr gelungen. Da sehe ich Kreativität und das Ziel, alles irgendwie sinnlich darzustellen, mehrere Bedeutungsebenen sichtbar zu machen. Aber es sind so ein paar Sachen, die ich seltsam finde. Ganz am Anfang gibt es so ein komisches Trope, aber sowas gibt es in der Realität nicht: Wenn jemand nicht wiederbelebungspflichtig ist, dann wird er hoffentlich auch nicht überwacht. Entweder ist ein Patient oder eine Patientin überwacht, dann muss ich den wiederbeleben. Aber ich tue den nicht an die laute Überwachung und warte dann, bis der Piepton nicht mehr regelmäßig kommt. Ein anderes Trope sind diese typischen fallenden Matrix-Buchstaben, wenn – soweit ich das nachvollziehen kann – dargestellt werden soll, dass es sich bei der Hauptfigur um ein vielschichtiges und schwer nachvollziehbares Wesen handelt. Ich glaube, mit diesem Effekt kann man mittlerweile jeden Hacker irre machen. Der muss auch irgendwie langsam abgeschafft werden. Wir müssen eine neue Variante finden, um darzustellen, dass irgendwas programmiert ist.

 

DIE FRAGE: Wer ist denn jetzt Lazarus?

Weil den Namen beziehungsweise die Rolle gibt es nicht im Stück.

Lazarus ist ja in der Bibel der Verräter an Jesus. Das Besondere an Lazarus’ Rolle in der Bibel ist, dass er eine Berufung mit einem Verrat zu erfüllen hat. Also er macht das nicht aus dunklen Motiven, sondern er hat eine Rolle in der großen Geschichte, im Großen Ganzen.

Das Naheliegendste im Stück ist natürlich der Psychopath, der Serienkiller, der sich random in fremder Leute Leben einschleicht und dann dort Ersatzrollen ausfüllt oder auszufüllen versucht, dann in den Gesprächen mit anderen rumlügt und sich einschleimt und schlussendlich Menschen weiterermordet.

Ich hätte aber auch weitere Vorschläge:

Die Hauptrolle, die aufgrund der Depressionen und aufgrund der Unfähigkeit, ein neues Raumschiff zu bauen, ihre Familie und ihr Heimatland eben verrät. Die Ally, die Haushälterin, die dadurch, dass sie immer mehr die Rolle von der ehemaligen Liebschaft der Hauptrolle einnimmt, diese ja im Grunde „umbringt“.

Das Stückkonzept ist ein Verräter – denn während auf der Bühne fortwährend die Morallosigkeit wütet, wird man eingelullt in Raumschiff-Ästhetik, immer wieder neue Kostümierungen und immergrüne Glamrock-Songs.

Mein Traum wäre es, sich noch zusätzlich als Theater zum Verräter zu machen: Das Stück kommt wieder auf den Spielplan, aber an random ausgewählten Tagen wird eine minimalistische Variante gezeigt, wo sämtliche Figuren von insgesamt maximal drei Schauspieler*innen in schwarzen Overalls auf einer leeren Bühne interpretiert werden, statt Songs zu singen werden die deutschen Übersetzungen vorgelesen. So wäre der für mich persönlich interessante Grundgedanke vielleicht etwas mehr als nur ein loses Machwerk um die ikonischen David-Bowie-Songs herum. Oder der Stoff wird als sinnfrei entlarvt – eben: verraten!

 

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Es haben alle riesige Plastikschuhe. 

[Dies hier ist ein Trauer-Space... Ich hatte wirklich, wirklich feine und detaillierte Anmerkungen zu den bemerkenswerten Leistungen einzelner Ensemble-Mitglieder und diese Notizen sind aber leider verschwunden... vielleicht schreibe ich das nach, sobald ich nicht mehr drüber weine. Das hier sind die traurigen Ruinen.]

 

Die Haushälterin der Hauptfigur verwandelt sich immer mehr in dessen verflossene Liebschaft, und das hat für mich einen sehr intensiven, irritierenden Sog. 

 

Die Figur Maemi habe ich noch nicht richtig durchblickt. Für mich ist sie erst das aufgeweckte Mädchen, das ihn aufmerksam und liebevoll anschaut, und plötzlich hat sie in einer Sprechszene unglaublich eindeutige Vorstellungen und einen Ton, den ich ihr so nie zugetraut hätte. Ich würde das einem realen Menschen nicht übelnehmen, aber als Figur war sie für mich zunächst klar etabliert und wurde dann in eine andere Richtung präsentiert, die für mich nicht vollständig ausgearbeitet wirkte.

 

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Ist das überhaupt vegan?

Ich frage nach klimapolitischen oder mitweltschutzaktivistischen Themen im Stück, und davon habe ich bei „Lazarus“ leider nichts mitbekommen. So wie das Bühnenbild ein ziemlich steriler, laborartiger Versuchsraum ist, wo alles in einer eigenen Biosphäre stattzufinden scheint, so schaut auch das Stück wenig nach außen und wenig in die Zukunft. Die Hauptfigur schafft es ja nicht mal, sich um ihre unmittelbaren menschlichen und familiären Kontakte zu kümmern.

 

Wie queer ist das denn?

Auch wenn das nicht explizit gesagt wird, würde ich trotzdem argumentieren, dass das Stück ja mit aus der Feder von David Bowie stammt, der ein Queer-Icon ist, und somit schlage ich eine Lesart vor, die so ähnlich auch für die Matrix-Filme existiert. Wir haben eine Person, die von sich sagt: Die Kategorien, die in meiner Umgebung oder in der Gesellschaft existieren, passen für mich nicht. Ich fühle mich außerirdisch. Ich fühle mich, als würde ich von einem anderen Planeten stammen. Und das kann, wie im Stück metaphorisiert, in verschiedene Richtungen weitergehen. Die eine Richtung ist, dass ich mich mit oder ohne Hilfe als Schöpfer in meiner eigenen Realität betätige und mein Raumschiff baue, also dafür sorge, dass ich die Ressourcen und Mittel habe, um meine Träume zu verwirklichen und mein Überleben zu sichern. Oder aber – was leider Newton, der Hauptfigur im Stück, passiert – ich werde lebensmüde und deprimiert und entfremde mich selbst von Menschen, die ich liebe oder die mir wohlgesonnen sind.

 

Hast du die Kids gesehen?

Ich beschäftige mich mit Kinderrechten und mit den Anliegen von Familien. Und da ist mir zum Glück erst nach der Aufführung aufgefallen, dass im Programmheft mehrere Rollen, die von erwachsenen Frauen gespielt werden, als „Girl“ bezeichnet sind, und das halte ich für unanständig. Es existiert ja keine Entsprechung. Die männlichen Figuren im Stück werden nicht als „Boy“ bezeichnet. Es hat einen sehr komischen Beigeschmack, dass der alterslose und unsterbliche Newton ausschließlich Beziehungsfantasien mit Teenagern hat. Das hätte ich auch ohne die Informationen aus dem Programmheft so bei der Aufführung nicht wahrgenommen. Also es waren schon alle weiblich gelesenen Personen deutlich jünger als die Hauptfigur. Aber ich habe die Situation nicht gelesen als einen alten Mann, der sich Beziehungen mit sehr jungen Frauen vorstellt. Es wird im Stück leider auch das Märchen reproduziert, dass Männer sich ungestraft von ihrer Familie lossagen können und dass irgendwie beste Absichten ein Ersatz wären für konkrete Unterstützung. Es schwebt die ganze Zeit im Raum, dass die Familie der Hauptfigur in ernsthafter Gefahr sein könnte, und ein erwachsener Mann, der dazu noch sehr vermögend ist, kriegt es nicht auf die Reihe, sich um seine eigene Familie zu kümmern.

 

Zum Umgang mit Triggern: Alkoholismus wird sehr unreflektiert gezeigt. Mehrfach werden kaltblütige Ermordungen dargestellt sowie ein versuchter Femizid durch Erwürgen, bei dem die Figur sich als unsterblich erweist. Das sind starke Trigger, teilweise unnötig, weil es dafür andere Darstellungswege hätte geben können.

 

 

Eigentlich käme hier die herzliche Einladung, dass du dir das Stück anschauen darfst, wenn dich mein Text neugierig gemacht hat, inklusive Link. Aber die Dernière ist ausverkauft. Du kannst dem Hans Otto Theater folgen (externer Link zur Website) und schauen, ob es eine Wiederaufnahme gibt oder andere spannende Stücke.


Schön, dass du bis hierhin gelesen hast!

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