Ich schaue die Premiere (!)
(wow, DU hast diesmal die Premiere verpasst, nicht ich!) von
Europa flieht nach Europa
vom Schauspiel Erlangen im Markgrafentheater Erlangen
EVENT 24. Januar 2026
ARTIKEL 25. Januar 2026
(mitten in der Nacht, diesmal war ich echt nah dran)
Lass mich mit der Tür ins Haus fallen, dich packen und übers Meer tragen:
Ich fände es ein wunderbares Jugendstück, im Grunde hätten wir uns hier auch schon um 17:30 Uhr treffen können. Aber dafür ist die Inszenierung viel zu langatmig, ich bin überhaupt nicht sicher warum irgendwer Umbauten für intensiv und fesselnd genug gehalten hat, ich persönlich habe nur begrenzt Geduld für "Tisch neu decken" und das wurde bei weitem überschritten. Was haben wir gegen Tempo, was haben wir gegen Handlungen die parallel passieren?
Ich sehe 2 Podest-Konstruktionen, einmal einen langen Verhandlungstisch der vom letzten Abendmahl ausgeliehen wurde, und ein riesiges Podest für den Solo-Musiker Chris mit seinem vielfältigen Instrumentarium. Er bekommt da ein einziges Mal im Stück Besuch von einem Engelchen, aber ansonsten ist er die wahr gewordene Meta (="über")-Ebene. Die Konstruktion bleibt, aber die Deko verwandelt sich im Laufe des Stücks mehrmals, weil sich ja die Zeiten ändern, und am Ende wird alles runtergelassen und die gesamte Bühne ist verspiegelt und so sitzt optisch Europa mit uns im Zuschauerraum.
Immer wieder finden Kostümwechsel auf offener Bühne statt, aber nie die, die mich interessiert hätten. "Jeder darf sich drei Sachen aus der verkleidungskiste aussuchen und sich umbinden" finde ich nicht im entferntesten so interessant wie: Wie ist Europas Rokoko inspirierte Konstruktion anzuziehen und in welcher Reihenfolge kommen metallic Leggings und Klebebärtchen an den Eroberer?
Das Theater ist nicht leer, aber vor allem für eine Premiere sind mir zu viele Plätze frei. Dafür fällt mir auf dass relativ viele Leute aus der Theaterszene der Metropolregion da sind, ich nenne jetzt keine Namen, aber man hätte schon Erfolgs-Chancen beim "dich kenne ich aus einem Programmheft" Bingo gehabt.
Ich werde hier mal einen ganz exotischen Gedanken in die Runde: Ganz eventuell ist es nicht die geilste Idee im Universum, bei einer Kunstform deren Erfolg auf der Sinnlichkeit, Vielfältigkeit und Multimedialität menschlichen Erlebens beruht, die Werbung rein grafisch und extrem minimalistisch zu gestalten. Es ist aus Publikumssicht schon immer ein gewisses Risiko, sich Kultur-Erlebnisse zu besorgen, man investiert Finanzen und Zeit in etwas, was einem am Ende vielleicht überhaupt nicht gefällt. "Random neon-Scherenschnitt auf monotonem Hintergrund" ist nicht der vielversprechende Ansatz, der mich hier ins Blaue springen lässt. Zum Glück haben Juliane und Tobias mir schon Kinder-Bilderbücher vorgelesen, sonst hätte ich mich glaube ich nicht extra aufgemacht.
Einerseits bin ich mit der Erste der sagt: man kann Stücke entschärfen, man kann Bilder finden, um mit Gewalt und Triggern versetzte Szenen neu zu denken. Andererseits muss man dann auch fragen, ob die Botschaft noch bleibt.
Europas Geschichte ist schrecklich und blutig und mit Gewalt aufgeladen.
Europas Geschichte ist keine "Camp" Revue.
Tiefgreifende politische Problematiken und historische Ereignisse wirken hier wie in einem Cabaret als witzige und amüsante Geschichten abgetan.
Aus konzeptioneller Sicht könnte man vielleicht dem Team zugute halten, dass auf witzige und unterhaltsame Art und Weise Dinge ins Bewusstsein gerufen werden und Aufmerksamkeit geschaffen wird, wo vielleicht manche Menschen auf andere Art und Weise abschalten würden, oder die man schon viel zu oft derart verpackt präsentiert bekommen hat.
Juliane als Europa erzählt mit leuchtenden Augen und offenen Blick begeistert von ihren Erlebnissen und Gedanken und ich bin verzaubert von ihrem Charme, frage mich aber gleichzeitig: sie verkörpert einen historisch einmaliges Konstrukt und hat immerhin vor kurzem die leibhaftige Inkarnation vom Zeus mit bloßen Händen erlegt, irgendwie passt das nicht zusammen, diese unvoreingenommene Beseeltheit und das was tatsächlich los ist. Dafür, dass sich das reale Europa und die Idee von Europa über die Jahrtausende immer wieder grundlegend gewandelt hat, passiert mit der Europa-Figur auch überraschend wenig, die antike Idee einer kulturellen Einheit hat nichts mit dem modernen (Selbst-) Verständnis von Europa zu tun und trotzdem begegnen wir am Ende der Europa-Figur vom Anfang. Umso mehr passiert zwischendurch - die selbstherrlichen Umtriebe der Eroberer-Feldzüge lassen Europa zu einem den gesamten Bühnenraum einnehmenden Gebilde werden, bisschen vorgespult am Tisch der Weltmächte ist sie eine blässliche Sekretärin, unbeachtet übergangen von den Schreibtischtäter*innen.
Ich werde das Gefühl nicht los, dass hier eine leicht verdauliche Variante von antiken Dramen gesucht und gefunden wurde, vor allem Europas Monologe sind inmitten aller Schauspielkunst und einer gewissen Wortgewandtheit dann doch irgendwie leicht gewürzte Botenberichte / angelikḗ rhēsis, mit einer Salatbeilage der Saison.
((die Salatbeilage der Saison soll eine Metapher sein für den Versuch des Stücks, das zeitgemäß zu gestalten, kommt das durch? see you in my dms!))
Der Abend ist eine vielgestaltige Sammlung des Konzepts "ich mache eine augenzwinkernde Andeutung auf etwas, was du im Geschichtsunterricht in der Schule gelernt hast und dann versuchst du zu erraten, was ich damit sagen will". Manchmal wird es sehr konkret wie bei Johannes' Monolog des Eroberers, der vor lauter Narzissmus vollkommen in der Autoerotik zu versinken scheint, meistens aber scheint ein Bild oder eine Andeutung aus dem Ozean der Geschichte aufzutauchen, und was genau nun die Botschaft sein soll, bleibt ungewiss. Es hat vieles so eine Alice im Wunderland / Winnie Puh Traum-Logik, aber können wir bitte bei Gelegenheit einen Abend machen wo das Regie-Team stückbegleitend Audiokommentare zum Bühnenspektakel abgibt? Ich will wissen, was das Nilpferd sein soll.
Ich hatte wirklich Mitleid mit den Darstellenden, denn die Eingangsszene, wenn der Vorhang noch kaum oben ist, scheint wirklich Nerven gekostet zu haben, ich glaube nicht, dass es das wert gewesen ist. Ich denke, im Rhythmus einer Handpan auf Dinge draufzuhauen sollte nicht die nervenaufreibende Aktionen sein, die es ganz offensichtlich gewesen ist. Und wenn man tatsächlich im Probenverlauf feststellt, dass das einigen Beteiligten schwer fällt, dann muss etwas anderes gefunden werden, man hat ja schließlich noch den ganzen Abend vor sich. Vielleicht war ich selbst zu aufgeregt und hab das auf euch projiziert?
Viele Ensembleszenen, ich erinnere mich vor allem an zwei "Schwestern-Szenen" jeweils am Tisch, sind das, wofür ich mit erfülltem Herz Schauspieltheater angucke. Verschiedene Ideen und verschiedene Impulse treffen aufeinander, man hört zu, man reagiert, Motive werden vorgestellt und ausgearbeitet, irgendwann heult jemand, irgendwann kriegt jemand einen Lachkrampf, irgendwann lässt jemand den dramatischen Hammer fallen, weil noch irgendwer gestorben ist. Hervorragend gearbeitet, wunderbar gespielt, so stell ich mir das vor wenn ich die Eintrittskarten kaufe.
(neben mir sitzt eine junge Frau die sich ganz sicher Ihre Eintrittskarten nicht gekauft, sondern geschenkt bekommen hat, und ich weiß das ganz genau, weil sie kann im Dunkeln in ein notizbuch schreiben. Ich meine zu wissen, dass das im Theater gratis Tickets wert ist, ich kann sowas nicht also werd ich wohl bis auf weiteres nur geteilte Stories bekommen PAY(pal) ME! GIVE ME THE PRESS TICKETS!)
Tobias als "Leben" präsentiert zwischendurch eine choreografische best-of-tour durch die Geschichte der anatomisch korrekten Skulptur, was zugegeben eine ziemlich europäische Erfahrung ist. Im Gegensatz zum restlichen Stück habe ich hier die meisten Antworten gewusst, den Diskuswerfer fand ich besonders gelungen.
Ich weiß nicht ob du das weißt, aber jetzt kann ich es dir ja erklären: Wir haben bis vor ungefähr 5 Jahren auf den Theaterbühnen dieser Welt lauter nackte Menschen gesehen, so dass das irgendwann normal geworden ist und nicht mehr dieselbe Wirkung hatte wie früher. Weiblich gelesene Person machen das jetzt gar nicht mehr, also die bleiben alle angezogen, selbst wenn es im Text irgendwie Sinn machen würde. Die deutlich katastrophalere Version haben sich männlich gelesene Personen ausgesucht, und zwar ziehen die regelmäßig die unansehnlichste, ausgeleiertste und verfärbteste Unterhose im ganzen Universum an und stellen sich dann damit unter das Scheinwerferlicht, damit alles zusätzlich noch seltsame Schatten wirft. Es gibt ja durchaus wattierte Unterhosen für genau solche Fälle oder man könnte unter die ausgeleierte Hose eine enganliegende anziehen. Aber das scheint nur sehr unregelmäßig eine Option für die Beteiligten zu sein. Im Endergebnis bekommt man dann etwas präsentiert, was ganz bestimmt nicht den EU-Regeln für einwandfreie Wurstwaren entspricht.
((Das war ein Europa-Witz, das ist extra wegen dem Stück. Kriegst du sowas von den Erlanger Nachrichten? von Nachtkritik? NEIN! PAY(pal) ME! GIVE ME THE PRESS TICKETS!))
Maximilian als Pfaff hat wie alle anderen auch so seine psychoanalytisch grenzwertigen Träume, aber beeindruckend, wie passioniert und leidenschaftlich er mit hallendem Pathos in der Stimme und zitternden Händen predigt, ist ja immer schön wenn jemand engagiert bei seiner Sache ist.
Im letzten Drittel, ich schätze so zum Ende des zweiten Weltkriegs, kriegen wir von Birgit so eine Art Hörbuch-Version eines Monologs. Während das Bühnengeschehen stillsteht, sitzt die Schauspielerin mit dem Rücken zum Publikum und schildert die Wirrungen und Schrecknisse, die sie erlebt. Ich weiß, dass sowas als große Kunst wahrgenommen werden kann, und sicher ein Unmaß an Fertigkeit erfordert, ich persönlich muss bei sowas Autofahren oder Geschirr in den Geschirrspüler räumen, bitte tu mir das nicht an, meine Konzentration macht das nicht mit und einfach nur so Wörter wenn ich nichtmal dein Gesicht sehe bleiben auch nur unter größter Mühe in meinem Hirn drin.
Und zum Schluss meine unglaublich originellen und mir sehr am Herzen liegenden special Kriterien!
Hast du die Kids gesehen?
(Hier gucke ich, ob die Perspektive von Kindern und Familien sowie deren politischen Anliegen im Stück behandelt werden.)
Es gibt im Stück Kinder-Figuren und das Tolle ist, dass sie als interessierte und fähige Zukunftsgestalter*innen dargestellt werden, die mit Europa auf Augenhöhe in den Diskurs gehen und mutige Visionen teilen.
Wie queer ist das denn?
(Die Frage ist, ob queerpolitische Anliegen im Stück dargestellt und behandelt werden.)
Es wird im Stück sehr selbstverständlich und deutungsoffen mit Gender*-Thematiken umgegangen, Rollen, Begriffe und Kostüme werden variabel besetzt und genutzt.
Um das mal konkreter zu machen: Alle Schwestern von Europa, auch die die in Wirklichkeit Tobias und Maximilian heißen, tragen im Stück Spitzenkleider und bezeichnen sich gegenseitig als "Schwestern".
Ist das überhaupt vegan?
(Werden im Stück klimapolitische Themen behandelt?)
Mit das Erste was wir von Europa mitbekommen ist, dass sie einen Stier schlachtet und dessen Überreste in der Umgebung verteilt (während sie deklamiert dass hier nicht aus Blut gebaut werden soll?). Die Perspektive des Stücks ist festgefahren auf das menschliche Erfahren, die Umwelt/Mitwelt erfährt kein Mit-Denken.
Wenn du Lust (bekommen) hast, das Stück anzuschauen:
Hiermit hast du meine Empfehlung!
Es ist ein Theater-Erlebnis mit tollen Ideen und sicher fallen die Sachen auf, die mir bei ein Mal anschauen nicht aufgefallen sind!
Ich freu mich, wenn du mir davon erzählst!
Infos und Tickets auf der Website vom schauspiel Erlangen (externer Link).
Schön, dass du bis hierhin gelesen hast!
Du kannst, wenn du möchtest, meine Arbeit auf zwei Arten ganz konkret unterstützen:
... mir einen Kaffee spendieren:
(PayPal) martiny@premiereverpasst.de
... mich einladen:
Ich freue mich immer über Einladungen von Theatern und Veranstalter*innen – schreibt mir einfach über das Formular!
Und natürlich: Folge mir gern auf instagram, damit wir in Kontakt bleiben!
@premiereverpasst
