Ein Bericht für eine Akademie


Hans Otto Theater Potsdam

Event: 14. Dezember 2025

Artikel: 22. Dezember 2025


Ich habe einen wunderbaren Monolog gesehen:

Paul Wilms als Rotpeter in Ein Bericht für eine Akademie nach einer Erzählung von Franz Kafka, inszeniert von Anna-Michelle Hercher.

 

Ein Bericht für eine Akademie

nach einer Erzählung von Franz Kafka

Rotpeter: Paul Wilms

Regie: Anna Michelle Hercher

Bühne und Kostüme: Michelle Huning

Musik: Daniel Anderson

Dramaturgie: Emma Charlott Ulrich

 

Ich habe schon viele Inszenierungen gesehen, die mit dem Mittel arbeiten, etwas live mit einer Kamera aufzunehmen und auf eine Leinwand zu projizieren. Hier wird dieses Mittel wirklich auf die Spitze getrieben, denn während der gesamten Stückzeit läuft ein Livestream auf einer zentralen Großleinwand. Was mich daran fasziniert hat, ist, dass sich das überhaupt nicht abnutzt. Im Gegenteil: Es werden bekannte Perspektiven und Varianten eines eigentlich vertrauten Mittels genutzt, ohne dass sie sich abnutzen oder langweilig werden. Die Wirkung wird ständig verändert, durch Spiegel, durch Nähe, durch technische Anordnungen, sodass immer wieder neue Blickwinkel auf das entstehen, was auf der Bühne passiert. Mal ist der Schauspieler unendlich vervielfältigt, mal sieht man ihn von viel zu nah, und ich hätte vorher nicht gedacht, welche Intimität das auslösen kann.

 

Wenn mich jemand vorher gefragt hätte, hätte ich gesagt, dass diese Maßnahmen das Bühnengeschehen eher verfremden würden und mich eher auf Abstand halten. Tatsächlich ist genau das Gegenteil passiert. Ich glaube, dass durch unsere Seh-Erfahrungen mit Livestreams und Kurzvideos eine Art Sog entsteht, eine vertraute Atmosphäre, die wir sofort lesen können. Zusammen mit dem klassischen Theater-Effekt, also der Trennung von Bühnenraum und Zuschauerraum, wird diese Trennung hier immer weiter verwischt und teilweise sogar aufgehoben.

 

Ich saß in der ersten Reihe, was ich sonst so gut wie nie mache, weil ich ziemlich allergisch auf Interaktionen zwischen Stück und Publikum reagiere. Im Programmheft wurde aber versprochen, dass die vierte Wand während des Stücks erhalten bleibt, also habe ich mich darauf eingelassen. Das hatte zur Folge, dass ich für meinen Geschmack sehr oft im Kameraausschnitt gelandet bin, häufig in Spiegelbildern zu sehen war und mich selbst auf der Großleinwand anschauen konnte. Ich würde argumentieren, dass das ein Bruch der vierten Wand ist, denn die soll mich ja eigentlich draußen halten. Mehrmals war ich buchstäblich Teil des Bühnengeschehens. Das war auszuhalten, aber ich habe mich trotzdem betrogen gefühlt. Es gab zahlreiche „Mama, ich bin im Fernsehen!“-Momente, weil ich eben oft zu sehen war. Immerhin: Gut, dass ich mich meistens passend zu dem Stück anziehe, das ich gucke. Das hat sich dann wenigstens gelohnt.

 

Inhaltlich erzählt das Stück von jemandem, der berichtet, früher ein Affe gewesen zu sein und dann dressiert worden zu sein. Die Lernkurve wird sehr detailliert nachgezeichnet. Es beginnt mit Beobachtung, Nachahmung und ersten Lernerfolgen, bevor die Figur später vollkommen übertreibt und davon erzählt, parallel in mehreren Räumen gleichzeitig von verschiedenen Menschen verschiedene Dinge gelernt zu haben, erst eine Lehrkraft in den Wahnsinn getrieben zu haben und sich schließlich in akademischen Sphären zu bewegen. Der Regie-Move, diesen Text konsequent in eine Livestream-Situation zu übersetzen, fühlt sich beim Zuschauen extrem schlüssig an. Während ich live auf der Bühne sehe, was der Schauspieler gerade macht oder was die Figur gerade tut, verfolge ich gleichzeitig die Kameraperspektive auf der Leinwand. Der Schauspieler kann sich, wie in einem Video, direkt an die Zuschauenden wenden, was eine eigene, sehr starke Stückperspektive erzeugt und das Ganze wahnsinnig abwechslungsreich macht.

 

Das Bühnenbild besteht aus drei mobilen Spiegelwänden, einer großen Leinwand, auf der die Aufnahmen des Smartphones projiziert werden, mehreren Garderobenständern mit verschiedenen Kostümen sowie einem rollbaren, beleuchteten Schminktisch. Dazu kommt eine Art Selfie-Plattform. Ich kenne solche Plattformen aus Influencer-Kontexten: eine kleine Plattform, an der ein Stativ befestigt ist, das sich kontinuierlich um diese Plattform dreht. Wenn man dort eine Kamera oder ein Smartphone befestigt, kreist die Perspektive permanent um die Person. Auch hier entsteht wieder eines dieser faszinierenden Perspektivspiele, von denen ich schon gesprochen habe, denn während ich den Schauspieler auf der Bühne stehen sehe, sehe ich gleichzeitig das rotierende Kamerabild davon.

 

Öfter fällt das Smartphone aus. Ich bin nicht ganz sicher, ob das Absicht ist oder nicht, aber eigentlich ist das auch egal. Fein ist daran vor allem, dass in diesen Momenten eine unbeabsichtigte, panische Zwangspause entsteht. So, wie viele Menschen im echten Leben das Gefühl haben, dass das Leben nicht richtig stattfindet oder nicht stattfinden kann, wenn es nicht dokumentiert wird und kein Handy zur Verfügung steht. Auch das Stück gerät immer wieder in eine Art Panik, wenn Projektion und Smartphone wegfallen.

 

Mein erster Gedanke war, dass das eine ziemliche Ansage an das Establishment ist, eine Behauptung, die InfluencerInnen als dressierte Tiere in einem Käfig aus Spiegeln und Technik zeigt. Einen Schritt weiter gedacht richtet sich das Stück aber an die gesamte Menschheit. Schau, wie einfach es ist, ein Mensch zu sein. Ein Affe lernt Sprache, nimmt Drogen, zieht typische Kleidung an und kann plötzlich im Varieté auftreten. In ganz typischer patriarchaler Manier redet er dann abschätzig über weniger akademisch gebildete ArtgenossInnen und über SexworkerInnen.

 

Es gibt Momente, die für mich nicht aufgegangen sind. Dazu gehört zunächst die körperliche Gewalt gegen die Hauptfigur, von der im Text berichtet wird. Es wird beschrieben, dass auf das Tier mit scharfer Munition geschossen wurde, was ich nicht nachvollziehen konnte. Wenn ich ein Tier fangen wollte, würde ich Betäubungsmittel einsetzen und es unverletzt lassen, ohne Narben. Daneben steht die psychische Gewalt der Dressur, die im Stück sehr detailliert besprochen wird. Für die Hauptfigur scheint hier ein Bewältigungsprozess stattzufinden, der jedoch auf einer dokumentarischen Ebene stehen bleibt. Die Figur reflektiert ihr Erleben, aber diese Reflexion geht nicht weit genug. Genau dieser Mangel an weitergehender Selbstreflexion wird in der Inszenierung aufgegriffen und übersetzt, etwa in den Momenten, in denen die Figur am Spiegeltest scheitert: Sie will mit ihrem Spiegelbild oder der Projektion interagieren, erschrickt davor oder versucht, es zu berühren. Dass dies nicht gelingt, markiert sehr deutlich die Grenze dieser Reflexion. Dieser Mangel zieht sich bis zum Ende durch. Es wird nichts mehr daraus gemacht. Die Figur bleibt in ihrer Rolle stecken, ohne dass ein manifester Vorwurf formuliert wird, obwohl wir über eine Stunde lang nachvollziehen konnten, dass es sich um ein intelligentes und fühlendes Wesen handelt. Die Konsequenzen daraus werden dem Publikum überlassen.

 

Ich würde sogar so weit gehen zu behaupten, dass im Stück nicht nur die Figur, sondern auch eine bestimmte wissenschaftliche und akademische Herangehensweise kritisch sichtbar wird. Es wird dokumentiert, beschrieben und ausgewertet, sehr präzise und sehr ausführlich. Was jedoch fehlt, ist eine ethische Konsequenz aus diesem Wissen. Die wissenschaftliche Perspektive bleibt emotional kühl und verwandelt ein fühlendes und traumatisiertes Lebewesen in ein Objekt der Betrachtung. Für mich liegt genau hier eine der stärksten, aber auch problematischsten Aussagen des Stücks.

 

Es gibt ein Interview mit einer Figur namens Franzi, deren Fragen in der Inszenierung sehr plakativ von einer KI vorgelesen werden, mit falschen Betonungen und schlecht gesetzten Pausen. Das mag einen tiefgründigen gestalterischen Hintergrund gehabt haben, aber für mich hat es nicht zusammengepasst. Gerade weil der Schauspieler an diesem Abend so vieles leistet – er spricht unzählige Rollen, verstellt das Bühnenbild, tanzt und rappt sogar durchs Publikum –, hätte er diesen Part aus meiner Sicht problemlos auch selbst übernehmen können. Die Entscheidung für diese KI-Ästhetik liegt für mich klar auf der Ebene der Inszenierung, und genau dort hat sie mich gestört. Ich finde, KI sollte so weit wie möglich aus der Kulturwelt herausgehalten werden, und das ist hier leider nicht passiert.

 

Wenn du dich für klassisches Sprechtheater interessierst, im Sinne von handwerklich gut gemachtem Schauspiel, das über Stimme, Körper und Text funktioniert und dabei alles andere als museal ist, kann ich diesen Monolog mit warmem Herzen empfehlen. Paul Wilms bietet alles auf, was man sich vorstellen kann, und trägt diesen Abend allein. Das ist für mich kein unangestrengtes Spiel, wie es auf der Homepage des Hans-Otto-Theaters in einem Kritikzitat behauptet wird, sondern intensive, vielseitige Arbeit. Ich liebe gut gemachtes Schauspiel, das auf Darstellung setzt und nicht auf inszenierte Retraumatisierung. Für mich gibt es kein Anrecht darauf, dass Menschen auf oder vor der Bühne mit einer gepflegten Psychose entlassen werden. Hier wird mit dem Text gearbeitet, es werden gute Lösungen gefunden. Das ist für mich genau die Art von Theater, die ich sehen möchte.

 

Ist das überhaupt vegan?

(Klima-Aktivismus bzw. Mitwelt-politische Fragen)

Dieser Aspekt ist für mich implizit im Stück angelegt. Ich könnte das Gesehene als eine Kritik am Umgang mit Tieren lesen. Es geht um unsere Mitkreaturen und um die Frage, ob und wie wir sie benutzen dürfen: für voyeuristische Spektakel, für Unterhaltung, für wissenschaftliche Interessen, die sich selbst als legitim setzen. Das Stück legt diese Fragen an, vor allem über die Figur des Rotpeter, der als fühlendes und traumatisiertes Wesen sichtbar wird. Gleichzeitig habe ich aber das Gefühl, dass diese Spur nicht zu Ende gedacht wird. Der Fokus verschiebt sich immer wieder zurück auf ein stark menschenzentriertes Konstrukt. Die Möglichkeit, aus dieser Geschichte klare Konsequenzen für den Umgang mit nichtmenschlichen Tieren zu ziehen, bleibt offen und wird nicht weiterverfolgt. Genau darin liegt für mich eine verpasste Chance des Abends.

 

Wie queer ist das denn? 

(queere Perspektiven)

In Bezug auf queere Perspektiven findet im Stück nichts statt. Es gibt eine einzelne Anspielung auf eine heteronormative sexuelle Beziehung, aber es wird weder mit queeren Lebensrealitäten gearbeitet noch werden queere politische Fragen verhandelt. Dieser Aspekt bleibt unberührt.

 

Hast du die Kids gesehen?

(Behandlung von Kinderrechten und -perspektiven)

Auch dieser Punkt ist für mich eher implizit als explizit im Stück angelegt. Das Stück wirft für mich die Frage auf, inwieweit Bildung und Erziehung selbst Formen von Dressur sein können. Inwieweit wird ein fühlendes Wesen aus seiner natürlichen Umgebung, aus seinen Fähigkeiten, Fertigkeiten und Bedürfnissen herausgelöst und in eine akademische Form gepresst. Und ist das so in Ordnung? Diese Fragen lassen sich aus dem Stoff heraus lesen, sie werden aber nicht ausdrücklich gestellt. Es geht im Stück nicht um Kinderrechte im engeren Sinne, und sie werden auch nicht explizit thematisiert. Dass sich diese Gedanken dennoch aufdrängen, ist meine eigene Interpretation und nicht etwas, das der Text oder die Inszenierung klar ausformuliert.

 

Sinnlichkeit

Hier wird sehr bewusst auf multimediale Gleichzeitigkeit gesetzt. Bühne, Kamera, Spiegel, Projektion und Körper existieren parallel. Prozesse werden auf mehreren Ebenen gleichzeitig erfahrbar gemacht, anstatt sich in reinem Sprechen zu erschöpfen.

 

Zum Umgang mit Triggern

Es gibt Gewalt gegen ein Tier, von der berichtet wird, sowie eine starke psychologische Verformung der Hauptfigur durch Dressur und Anpassung. Diese Aspekte sind inhaltlich zentral und nicht vollständig zu vermeiden.

 

Grundsätzlich gehe ich meistens ohne Vorbereitung ins Theater, weil ich erleben möchte, wie ein Stück für sich wirkt. Gleichzeitig bin ich ein offener Mensch und informiere mich über die Welt, in der diese Arbeiten entstehen. In diesem konkreten Fall bin ich sowohl in die Stückvorbereitung gegangen, weil es um Evolutionstheorie ging, als auch – das habe ich ja bereits gebeichtet – habe ich den Programmflyer gelesen. Ich mache mir meine eigenen Gedanken, lasse das Gesehene auf mich wirken und versuche herauszufinden, was das Stück bei mir auslöst, ohne zu behaupten, dass es dafür eine einzige richtige Lesart gibt.

 

Wenn dich dieser Text neugierig gemacht hat, dann schau dir das Stück gern selbst an und bilde dir deine eigene Meinung. Die Infos findest du auf der Website des Hans-Otto-Theaters (externer Link).

 


Schön, dass du bis hierhin gelesen hast!

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